Interview
|
Ein politisches Gefühl, hoffentlich...
Politische Netzwerke, autonome feministische Räume - ein Interview
mit Emma Hedditch, geführt von Eva Egermann
Emma Hedditch ist Künstlerin und lebt in London. Ihre Arbeit
motiviert ein Engagement für feministische Politik, demokratische
Medien und kollektive Praxis.
Der Kontext ist der Inhalt. Dort treffen
wir uns!
Du hast das unabhängige Video Distributions-
Netzwerk and I will do (anything to get
girls into my bedroom) gegründet. "Jede Frau,
die jemals ein Video gemacht hat, egal ob als Künstlerin, als
Teil ihres Jobs oder als Mutter" ist eingeladen ein Video beizusteuern.
Was ist der Hintergrund dieses Projektes und wie funktioniert es?
Als ich 21 war, arbeitete ich ehrenamtlich bei Cinenova, einer Film-
und Video-Vertriebs-Bibliothek für Frauen. Eines Tages bemerkte
ich ein Poster für Big Miss Moviola
an der Pinnwand. Das war ein Video-Vetriebs-Netzwerk von Miranda
July. Ich habe ihr geschrieben und sie gefragt, ob ich teilnehmen
könnte und ob sie mir eine Kassette mit den gesammelten Videos
schicken könnte. Das hat sie getan und seither sind wir in
Kontakt. Als ich July viele Jahre später (2000) traf, kam mir
die Idee, so etwas Ähnliches, eine Art Schwesterprojekt hier
in Europa zu starten. Das haben wir miteinander besprochen und so
hat and i will do... begonnen.
Damals lief auch gerade ein Ausstellungsprojekt im Schlafzimmer
meiner Wohnung, in die ich jeden Monat Frauen einlud, um hier zu
arbeiten und auszustellen. Als ich ausgezogen bin, entwickelte sich
das zu einem mobilen und temporären Videoprojekt.
Die Idee dahinter ist, Videobeiträge von jeweils zehn Frauen
zu sammeln und diese zehn Beiträge auf ein Videoband zusammenzustellen.
Die Bänder werden an die beteiligen zehn Produzentinnen verschickt
und von ihnen selbst weiter vertrieben.
Du bist in den verschiedensten kollektiven Projekten involviert,
etwa in Women in Black, einer
internationale Friedensgruppe von Frauen oder das Lambeth
Women's Project, ein autonomes Frauenzentrum. Einmal monatlich
organisierst du gemeinsam mit Freundinnen einen Sewing
Circle (Nähzirkel). Wie entstehen diese Kooperationen
und was ist die Idee, wenn du diese verschiedenen Treffpunkte etablierst?
Ich kam - wie viele andere Frauen auch - zu den Women in Black-Nachtwachen,
die als Protest gegen die Sanktionen im Irak und während der
Angriffe unseres Landes auf Afghanistan in 2001 stattfanden. Schon
davor kannte ich einige der Frauen von einem "Teach In"
über feministischen Anti-Militarismus im weitesten Sinn.
Das Lambeth Women's Project ist eine
autonomes Frauenzentrum, in dem ich seit ungefähr sechs Jahren
involviert bin. Es ist ein Haus mit drei Stockwerken und liegt zwischen
Stockwell und Brixton in Südlondon. Ein Komitee leitet das
Haus und verschiedene Frauen- und MigrantInnengruppen nutzen es
auf verschiedenste Art, zum Teil für Treffen oder als Büroräume.
Jüngere Frauen treffen sich jeden Dienstag für DJ-Workshops
und Musiksessions. Es gibt auch ein Gesundheits- und Fitness- Programm.
Ich helfe da mit verschiedenen Computersachen und bei der Administration.
Den Sewing Circle startete ich gemeinsam
mit zwei Freundinnen, Mystique und Nuaego. Wir wohnen alle drei
in derselben Gegend in Brixton und wollten eine "women only"-Veranstaltung
in dem Cafe des lokalen Kinos machen. Wir nannten es den Sewing
Circle, weil dieser Name früher oft für solche Frauentreffen
verwendet wurde. Unter dem Vorwand des Nähens, trafen sich
diese Frauen aber tatsächlich aus subversiveren Gründen.
Mich hat es interessiert wie "women only"-Gruppen agieren
und wie sie strukturiert sind. Orte wie der Sewing Circle brachten
viele verschiedene Frauen und unterschiedliche Generationen zusammen.
Es war eine sehr gesellschaftliche Angelegenheit, wir haben Filme
geschaut und Musik gehört. Natürlich war auch ein wenig
Stricken und Nähen im Gange.
Vor kurzem hast du A political feeling,
I hope so organisiert. Eine "soziale Situation",
die in der Cubbit Galery in London stattfand. Für die
Dauer von über drei Tagen wurde die Galerie in ein feministisches,
autonomes Zentrum verwandelt. Warum ist es für dich wichtig,
solche autonomen Räume zu schaffen?
Ich bin Teil eines Netzwerks von Leuten, die verschiedene Projekte
machen. Dabei geht es um Musik, bildende Kunst, theoretische Recherche,
politischen Aktivismus, das Organisieren des Alltagslebens und Zuhauses,
darum Kinder groß zu ziehen, Filme und Videos zu machen sowie
der Austausch über verschiedene Gesundheitsthemen. Da gibt
es oft den Wunsch nach Raum, um uns zu treffen, um über Sachen
zu diskutieren, Events auf die Beine zu stellen, Informationen auszutauschen
etc.
Ich kenne mindestens drei autonome Zentren in London, aber in einer
Stadt dieser Größe, besteht Bedarf und auch der Wunsch
nach bedeutend mehr. Ich habe versucht, diesen imaginierten Raum
zu verwirklichen. Innerhalb der drei Tage von A
political feeling... funktionierte das und wir machten
Treffen, Screenings, Live-Musik und tauschten Informationen aus,
alles in einer kleinen Galerie. Es war wichtig, innerhalb des Kunstkontexts,
die Idee der Produktion auszuweiten und zu zeigen, dass so vieles
schon längst passiert. Ich hatte das Gefühl, wir konnten
in diesen Tagen Material und Ideen auf eine sozial und politisch
radikale Art zusammenbringen. Dabei gab es einige Referenzen zu
Hannah Arendt und ihrer Vorstellung von Aktion bzw. Handlung.
Interview und Übersetzung: Eva Egermann
|