Diskurs
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Umsonst oder Gratis, Teil I
Prekäre Arbeitsverhältnisse im Kontext von Kunst, Wissenschaft
und Feminismus
Diskussionsveranstaltung mit
Mag.a Eva Blimlinger
(Wissens- & Projektmanagement Universität für angewandte
Kunst, Wien)
Julia Perschon
(ÖH-Kulturreferat, Wien)
Immer wieder werden wir in der Praxis vor die Entscheidung gestellt,
sich für oder gegen Veranstaltungen/Beteiligungen zu entscheiden,
die mit sehr wenig oder gar keinem Geld honoriert werden. Voraussetzungen,
Bedingungen und Auswirkungen dieser prekären Momente werden
- einerseits im Hinblick auf die Existenz und die Selbst/definition
als im Kunst- und Kulturbereich Tätige und andererseits im
Hinblick auf die Konsequenzen für Projekte, die sich keiner
ausreichenden Finanzierung bedienen können - diskutiert.
Diskussionsbeitrag von Mag.a Eva Blimlinger
Wissens- & Projektmanagement Universität für angewandte
Kunst, Wien
1. These: Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es kaum noch Orte/Räume,
in denen das erworbene symbolische Kapitel in ökonomisches
Kapital umgesetzt/transferiert werden kann. Das betrifft die künstlerischen
und wissenschaftlichen Felder.
Die neue Qualität ist die Selbstverständlichkeit mit der
Institutionen und Projekte das Wissen von Einzelpersonen und Gruppen
nehmen. Dabei führen Personen, die in Institutionen sitzen,
ein Argument ins Treffen mit dem sie selbst in ihrer Jugend häufig
konfrontiert waren: Man macht Projekte, die nicht bezahlt werden
oder in denen die Arbeitsleitung unbezahlt bleibt; diese Projekte
werden als Einstiegsprojekte, als Vorleistungen und als Anhäufung
von symbolischem Kapital gesehen, das sich irgendwann einmal rentieren
soll. Ob es sich rentieren kann, ist aber auch eine generationelle
Frage und eine Frage des Geschlechts.
Die neue Qualität seit Mitte der 1990er Jahre ist, dass es
für diese Art von Projektarbeit - so meine Einschätzung
- nicht absehbar ist und keine Perspektive gibt, dass es sich tatsächlich
rentieren könnte. Es funktioniert nicht mehr, auch nicht für
jüngere Generationen. Das heißt, es gibt diese Orte/Räume
nicht mehr, an denen das symbolische Kapital in ökonomisches
Kapital umgesetzt werden kann. Das betrifft sowohl den künstlerischen
wie den wissenschaftlichen Bereich.
2. These: Seit Mitte der 1990er Jahren werden im wissenschaftlichen
Bereich die inhaltlichen Schwerpunkt für Projekteinreichungen
von den Auftraggebern stärkervorgegeben. Im künstlerischen
Bereich wird eine Verbindung zur Wirtschaft forciert (Sponsoring/
Fundraising und Kreativwirtschaft). Gleichzeitig werden die zur
Verfügung stehenden finanziellen Förderungen für
Creative Industries von den Subventionsgeber nur zögernd vergeben,
weil die eingereichten Projekte mitunter nicht einem unternehmerischen
Handeln entsprechen.
In der Wissenschaft legen die Auftraggeber und inhaltlich
bestimmende Gruppen die Themen fest. Es werden inhaltliche Schwerpunkte
ausgeschrieben, zu denen einzureichen ist; alles was an den Rändern
ist, fällt dabei weg. Vor zehn Jahren war es noch leichter
möglich die entwickelten Ideen aus einer jahrelangen Beschäftigung
mit einem Thema durch ein Projekt zu konkretisieren, das gefördert
wurde.
Bei den nunmehr ausgeschriebenen inhaltlichen Schwerpunkten geht
es durchaus um Fragen von Migranten/Migrantinnen oder auch um feministische
Fragestellungen. Gleichzeitig wurde das Feministische im Wissenschaftsdiskurs
ausgeblendet und durch die Gender-Debatte absorbiert. Der Begriff
Feminismus ist in Ausschreibungen, Programmen und Calls nicht mehr
zu finden.
Im Bereich der Kunst wird die Verbindung zur Wirtschaft forciert.
Das geschieht einerseits durch den Appell an Sponsoring und Fundraising,
was eine Auslagerung der staatlichen Aufgaben bedeutet; andererseits
werden spezifische Bereiche der künstlerischen und kulturellen
Produktion in den Blick genommen, die unter dem Titel "Kreativwirtschaft"
oder "creative industries" gefasst werden. Darunter werden
alle jene Bereiche subsumiert und gefördert, die nicht unmittelbar
im unternehmerischen Sinn verwertbar sind. Es gibt Fördergeber
wie zum Beispiel den WWTF, der nicht wenig Geld zu vergeben hat.
Allerdings können manche Subventionsgeber die Gelder nur schwer
vergeben, weil die Projekte den Anforderungen nicht entsprechen.
Die Leute versuchen daher ihre Ansuchen dahinzumodeln, was jedoch
nicht funktioniert, weil es in vielen Fällen nicht um ein unternehmerisches
Handeln geht.
3. These: Der Lebensstatus wird zunehmend normiert. Die Menschen
sollen sich an zwei vorgegebene Typen - die Lohnabhängigen
und die UnternehmerInnen - anpassen. Ein Hinarbeiten auf
diese beiden Typen produziert eine Vielzahl von prekarisierten Lebensverhältnissen.
Es wird versucht, im Groben zwei Typen - entweder die Lohnabhängigen
oder die Unternehmer/ Unternehmerinnen - zu produzieren. Dazwischen
soll es keine Möglichkeiten der Existenz mehr geben. Dieses
Hineindrängen in zwei Typen ist - meiner Meinung nach - auch
eine Ursache für den prekarisierte Status.
4. These: Durch die Konzentration von Förderungen und
Subventionen auf die EU brauchen individuelle AntragstellerInnen
und kleine Initiativen den Rückhalt einer Institution mit ausreichender
Infrastruktur und Kapitalressourcen.
Ein großes Problem ist die Konzentration von Förderungen
und Subventionen durch die EU. Das heißt, ich brauche einen
sehr großen Rückhalt in einer abgesicherten Infrastruktur
mit genügend Kapital, die einen Projektantrag und die Abwicklung
überhaupt erst ermöglicht. Und ich brauche bei fast allen
Projekten eine nationale Förderung zwischen dreißig und
fünfzig Prozent. Das heißt, viele kleine Initiativen
im Kultur- oder Kunstbereich scheitern an diesen Bedingungen.
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