Film
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Der Garnelenring
Dokumentarfilm über soziale und ökologische
Auswirkungen der industriellen Shrimpszucht in Zentralamerika
Ein Film von Heiko
Thiele & Dorit Siemers
(55 min., 2005)
Esst keine Schrimps!
Die Film-Doku Der Garnelenring zeigt
die ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen des
Garnelen-Konsums - und verdirbt den Appetit
Am Anfang rollt ein Einkaufswagen durch einen hiesigen Supermarkt.
Der Gedanke, der damit angeschoben wird, ist bestechend: Während
der Verpackungsaufdruck normalerweise über Herkunftsland, Inhaltsstoffe
und Hersteller von Lebensmitteln aufklärt, bleiben andere wichtige
Informationen über Konsumgüter unerwähnt. So zum
Beispiel die sozialen und ökologischen Auswirkungen, die die
Produktion, die Verteilung und der Konsum eines Produktes mit sich
bringt. Auf eine Packung Garnelen, auch Schrimps genannt, würden
diese Effekte allerdings nicht mehr drauf passen. Gerade weil sich
der ehemalige Luxusartikel in Europa und den USA mittlerweile zur
viel verzehrten Vorspeise und Beilage entwickelt hat, sind die Folgen
seiner Herstellung immens. Um darüber zu informieren, braucht
es zum Beispiel kritische Dokumentationen.
Die Geschichte der Garnelenzucht ist dabei auch für Leute
von Belang, die sich aus so genannten Meeresfrüchten nichts
machen. Denn sie ist eine exemplarische Geschichte, ein beispielhaftes
Kapitel aus dem Gesamtwerk neoliberaler Globalisierung. Es spielt
unter anderem in Mittelamerika und hat nicht nur mit hiesigen Konsumgewohnheiten
zu tun. In ihrem Dokumentarfilm widmen sich Dorit Siemers und Heiko
Thiele der gegenwärtigen Situation an den Küsten von Guatemala
und Honduras. Im subtropischen und tropischen Klima der dortigen
Mangrovenwälder finden Garnelen besonders gute Lebensbedingungen
vor. Die Verhältnisse für die ansässige Bevölkerung
allerdings haben sich zusehends verschlechtert. Denn Schrimps sind
ein rentables Exportprodukt - allein jede/r BundesbürgerIn
isst davon rund 1,4 Kilo durchschnittlich im Jahr - und damit zu
einer Sache von finanzkräftigen Konzernen geworden. Statt mit
dem Boot werden Schrimps heute aus großen, extra für
sie angelegten Becken gefischt. Aber nicht nur die bloße Existenz
der Schrimpsfarmen raubt den örtlichen Fischerfamilien die
Existenzgrundlage. Für die Garnelenbecken werden die Mangroven
abgeholzt und um die Garnelen vor Virenbefall zu schützen,
werden ihrem Futter Medikamente beigemischt. Dass diese, mit dem
verfaulten Restfutter in die Flüsse und ins Meer abgelassen,
die Gesundheit der dort lebenden Menschen nicht gerade fördern,
ist nicht schwer vorzustellen. Auch der Chemieriese Bayer verdient
an krebserregenden, in Europa längst verbotenen Antibiotika,
die vor Mittelamerikas Küsten ins Wasser geschüttet werden.
Dokumentarische Arbeit ist immer eingebunden in das, was Michel
Foucault die "Politik der Wahrheit" genannt hat. In dieser
wird auch die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin befragt. Indem
Siemers und Thiele nicht nur das Schicksal einzelner schildern,
sondern die Schrimpsfarmen als Auswirkung von Freihandelsverträgen
und als einen Teil neoliberaler Großprojekte wie dem Plan
Puebla Panama (PPP) ausmachen, hinterfragen sie auch die hegemoniale
Wahrheitsproduktion. Die Behauptung des mexikanischen PPP-Vertreters,
die geplanten und bereits umgesetzten Strukturmaßnahmen -
zu denen u.a. auch Schrimpsfarmen gehören - würden Wohlstand,
Bildung, Arbeitsplätze und Umweltschutz fördern, erscheint
jedenfalls als eine "Wahrheit", die sich nirgendwo in
der Wirklichkeit wiederfindet.
Siemers und Thiele lassen mit Fischern und UmweltaktivistInnen die
Betroffenen zu Wort kommen, setzen aber auch den Direktor des Dachverbandes
der Schrimpsindustrie oder den Chef einer Fabrik ins rechte Licht,
in der die Schalentiere weiterverarbeitet und verpackt werden. Während
ein ehemaliger Angestellter die Arbeitsbedingungen in den Kühlhallen
kritisiert - Zeitarbeitsverträge, niedrige Löhne und hohe
gesundheitliche Belastungen -, sind Konzern- und Regierungsvertreter
voll des Lobes für die angebliche Schaffung von Arbeitsplätzen
und preisen den Schrimpsexport als boomende Alternative zum weltmarktbedingten
Rückgang der Kaffeeausfuhr. Die staatliche Garantie niedriger
Zölle und Steuern für die internationalen Unternehmen
bürgt allerdings - wie in anderen Bereichen auch - gerade nicht
für die Verbesserung der Lebensbedingungen der örtlichen
Bevölkerung.
Der Garnelenring ist also kein mafiöser Klan, der hinter verschlossenen
Türen und in Hinterhöfen seine dreckigen Geschäfte
abzieht. Er ist vielmehr ein Ausschnitt aus der ganz normalen Kette
neoliberaler Handelsbeziehungen. Wenn es um ökonomische Verflechtungen
in Lateinamerika geht, spielt das Bild vom Hinterhof dennoch eine
Rolle. Nicht nur Konzerne aus den USA nutzen die für die günstigen
Produktionsbedingungen in den Ländern Mittel- und Südamerikas.
Auch Großbritannien, Deutschland und Spanien gehören
zu den wichtigsten Importeuren von Schrimps. Dass und wie Produktions-
und Konsumtionsbedingungen in einer "globalisierten Welt"
zusammengedacht werden müssen, daran erinnert der Film in eindringlicher
Weise. Hier werden die Einkaufswägen vollgepackt.
Jens Kastner
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